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Rezension zu "Der Honigvogel"

Resonanz

Regina Riepe vom Peter Hammer Verein für Literatur und Dialog e.V. hat den "Honigvogel" als Buch des Monats vorgestellt und dazu die folgende Rezension veröffentlicht:

12 Vorlesegeschichten erzählen vom Kinderalltag in Afrika.

Wie leben Kinder in Afrika?
Kinder sind neugierig und offen, wenn es um das Leben in anderen Teilen der Welt geht. Doch es gibt nur wenige Bücher in Deutschland, die diese Neugierde von Kindergarten- und Grundschulkindern befriedigen – und wenige AutorInnen, die einfühlsame, einfache Geschichten für diese Altersgruppe schreiben. Nasrin Siege ist eine von ihnen. Sie erzählt in diesem Buch von den Spielen der Kinder, von besonderen Momenten wie dem Singen an fremden Haustüren am Neujahrstag, aber auch von Kindern, die Mangos an Touristen verkaufen und solchen, die mit ihren Eltern betteln müssen. Es wird keine heile Welt beschworen. Wie wichtig ist es doch, Wasser zu haben – und wie mühsam, es an der Wasserstelle zu holen. Kaum vorstellbar, kein Essen im Vorratsschrank zu haben, sondern es jeden Tag immer wieder neu besorgen zu müssen: durch Betteln, Schuhe putzen oder den Verkauf von Früchten am Stopp der Reisebusse. „Von der Hand in den Mund leben“, das bekommt hier eine eindringliche Bedeutung. Viele Fragen bleiben offen: Wie kann es sein, dass ganze Familien draußen auf einer Verkehrsinsel leben, mitten in der Stadt? Warum haben manche Eltern nicht das Geld, um ihre Kinder zur Schule zu schicken? Und ist es nun gut oder schlecht, wenn die reiche Frau jeden Montag alle Schuhe der Familie von den Schuhputzjungen vor dem Supermarkt putzen lässt? Warum macht sie das denn nicht selber? Die Erzählungen von Nasrin Siege laden junge Leser und Zuhörer zum Nachdenken ein, statt vorschnelle Antworten und Werturteile abzugeben. Und oft möchte man einfach mitspielen, auch einmal das Baby auf dem Rücken tragen oder das neue Kälbchen von Abdi sehen, das einen weißen Stern auf der Stirn hat.

Es sind keine Elendsgeschichten, die hier aus Afrika erzählt werden, das würde den Menschen Unrecht tun. Stattdessen spricht eine tiefe Menschlichkeit aus ihnen, eine Großzügigkeit im Miteinander, die jeder kennt, der einmal in einem afrikanischen Land gelebt hat und die auch den hungrigen Straßenhund mit einschließt, dem das bettelnde Kind etwas von seinem Brot abgibt. Und den Honigvogel, der seinen Teil von der Honigwabe bekommt, nachdem er die Menschen zum Bienennest geführt hat.

Barbara Nascimbeni hat das Buch mit zarten Zeichnungen illustriert. Man könnte sich glatt selbst hineinmalen in diese Bilder, um auch mit Stöcken nach den reifen Baobab-Früchten zu werfen, damit sie herunterfallen oder sich gemeinsam mit den anderen Kindern halb tot zu lachen, wenn der Clown ins Klassenzimmer kommt. Denn auch das ist Afrika – und noch viel mehr, als in 12 Geschichten hineinpasst. Möge es noch viele solcher Bücher über das Leben in Afrika geben!

- Regina Riepe


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